Das Geheimnis um den Kaiken Malbec Reserva

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was all diese Namen und Bezeichnungen auf den Etiketten der Weine zu bedeuten haben? Es gibt Kürzel für greographische Klassifikationen, Jahrgangsdeklarierungen, Informationen über Rebsorten, Abfüllung und Qualität. Bei all den Zahlen und Kürzeln sollte man meinen, dass es noch am Leichtesten ist, sich einig zu sein über einen Begriff, der sich im Wortstamm selbst zu erklären  scheint: Der Reserva. Am Beispiel von dem Malbec des Weinguts Kaiken in Mendoza, Argentinien zeigt sich aber, dass selbst in des Weinvokabulars die Frage nach dem Sein oder Nicht-Sein durchaus ihre Berechtigung hat.

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Sein oder Nicht-Sein: Was IST dieser Wein?

Ganz allgemein liegt in der Frage um das Sein und Nicht-Sein der Akt des Differenzierens. Da lauert aber auch das Urteil über die Beschaffenheit eines Seienden aus der Perspektive des Betrachters heraus. Und dieses Urteil manifestiert sich dann in einem Namen oder einem Begriff, dem das Seiende zugeschrieben wird.

Das von mir besprochene Problem handelt von der Unverlässlichkeit von Namen und wird im gegenwärtigen Missverständnis über die Deklaration Reserva auf dem Etikett des Kaiken Malbec deutlich.

Was steckt hinter dem Begriff Reserva?

An die Deklaration Reserva sind eine Fülle von Informationen und wie deutlich werden wird – typisch für die europäischen Gefilde –  Reglementierung gebunden. So kann zweifelsfreie Gewissheit des europäischen Konsumenten über die Beschaffenheit des Reservas gewährleitet werden. Und so sah es bis vor kurzem für jeden Liebhaber ordentlich gereiften Weines so aus, als betreffe diese Gewissheit auch diesen Malbec aus Mendoza.

Reserva: das ist ein traditioneller Begriff. Er ist zudem eine Bezeichnung für eine bestimmte Güteklasse eines Weins, die durch ein gewisses Reifeverfahren und eine bestimmte Herkunft bedingt ist. Ein reglementierter Begriff also, der dem Weinfreund suggeriert, es mit einem Wein bestimmter Qualität zu tun zu haben.

Nun, was genau liegt diesem Begriff zu Grunde und warum lamentiere ich hier über das Sein, und das Urteil herum?

Der Grund ist brand-aktuell:

Denn der Malbec Reserva von Viña Kaiken ist kein Reserva! Dennoch wird er hier zu Lande als solcher angeboten.

wein-aus-argentienien-kaiken-reservaUm dem Geheimnis dieses Missverständnisses auf den Grund zu gehen muss der Begriff Reserva erst einmal genau geklärt werden: Es ist ein in Europa vor Inhalten nur so berstender, geschützter Begriff. Als hochgeschätzte Deklarierung gibt er Auskunft über die Reifeszeit und das Reifeverfahren eines Rot-, Rosé oder Weißweines und zudem über seine geographische Zuordnung. 

Ausgehend von Spanien hat er seinen Weg in die europäische Weinverordnung gefunden und ist neben festgelegten geographischen Bezeichnungen und anderen Begriffen, die die Güteklassen von Weinen auf den Etiketten vermitteln reglementiert. Als weitere Beispiele seien Kabinett, Spätlese, Eiswein, Tafelwein, Portwein, DOCG und so weiter zu nennen.

Verwirrend ist bei dem Reserva, dass für den Wortstamm oder die Übersetzung in verschiedenen Weinländern der Alten Welt unterschiedliche Bedeutungen und damit Regeln für Weine, Schaumweine, Champagner, Brände, Dessertweine etc. existieren, die jeweils mehr oder weniger strengen, eigenständigen Bestimmungen unterliegen. Beispiele sind: Riserva aus Italien, Reserve aus dem englischen Raum, Réserve aus Frankreich und Reserva aus Portugal. Letzterer unterliegt den gleichen Richtlinien, wie sein spanischer compañero.

Zumindest der portugiesische, der italienische und der spanische Begriff unterliegen Produktionsregeln, die eine besondere Qualität des betroffenen Weins sicherstellen und diese international garantieren. Im angelsächsischen Raum und bei deutschen Produkten hat sich der Begriff nicht als Qualitätsmerkmal etabliert.

Die Richtlinien für die Deklaration Reserva

In Spanien und Portugal jedoch sind auch nur solche Weine mit dem Begriff Reserva zu versehen, die einer kontrollierten Herkunft und einem garantiertem Ursprung entspringen. So sind die Gebietsqualifikationen DO (Denominación de Origen), DOCa/DOP (Denominación de Origen Calificada) Voraussetzung für den Ausbau zum Reserva, beziehungsweise die Zulassung, diese Beziehung zu tragen. Diese Gebietsqualifikationen sind ihrerseits geschützte, geographische Ursprungsangaben, deren Bestimmungen weitere Reglementierungen mit sich bringen.

Als Beispiel sei zu nennen, dass bei einem DOP-Wein der Höchstwert des Alkoholgehalts bei 15% liegen darf. Die Ertragsmenge pro Hektar ist bei den Lagen des zertifizierten Terroirs ebenso an einen Maximalwert gebunden.

Die genaue Herstellungs- und Reifebestimmung für einen Reserva liegen, neben der geographischen Qualitätsgarantie, darin, dass der Rotweinmindestens 36 Monate in Fass und Flasche reifen konnte. Davon muss der oxidative Ausbau für mindestens 12 Monate im Holzfass stattfinden. Anschließend folgt die reduktiveFlaschenreifung für die restliche Zeit. Bei Rosé- und Weißweinen ist eine 18-monatige Reifung, von denen sechs im Holzfass stattfinden, vorgeschrieben.

All diese Angaben manifestieren sich in der EU – Verordnung für Wein und Weinbau, welche von allen Mitgliedsstaaten einzeln eingereicht und umgesetzt werden müssen.

 Warum Reglementierung?

Global wächst die Zahl der Länder, in denen sich der Weinbau immer weiter entwickelt. Gerade daher wird es wichtig, das Bewusstsein über die Bedeutungen von Siegeln und geschützten Begriffen zu vermitteln, oder international übergeordnete Reglementierungen zu schaffen. Denn bei besonders positiv bewerteten Qualitätsbezeichnungen ist natürlich zu erwarten, dass in neueren weinwirtschaftlich aktiven Ländern Übertragungen dieses Begriffs stattfinden. Vorallem wenn diese, wie bei dem Wort Reserva aus der alltäglichen Sprache ableitbar sind (siehe Spanisch: la reserva, reservado, reservar). Hier bewegt sich der bezeichnete Wein dennoch nicht automatisch innerhalb der zu erwartenden Reglementierung.

In manchen Fällen unterliegt die Verwendung des Begriffs Reserva anderen Reglementierungen, wie in Chile zum Beispiel. Oder eben auch gar keinen, wie in dem Fall, der mich zu diesem Artikel bewogen hat:  Argentinien.

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Warum der Malbec Reserva von Kaiken nicht Reserva heißen darf

Nun ist der Gegenstand des Interesses ein wirklich wundervoller Wein aus Argentinien, dem als solchem nur lobende Worte gerecht werden. Ein traumhafter Malbec aus dem argentinischen Mendoza, der aus dem Qualitätshaus Viña Kaiken stammt, ist an sich überhaupt nichts auszusetzen: im Gegenteil. Da er dennoch die Bezeichnung Kaiken Malbec Reserva trägt, wird er hier als Exempel für ein allgemeines Problem funktionalisiert.

Nimmt man nur den aktuellen Jahrgang  2014 als Beispiel. Dieser allein, wenn auch als Reserva etikettiert, kann ganz offenkundig die für einen Reserva bestehenden Anforderung nicht erfüllen, was allein die Jahrgangsinformation auf dem Etikett verrät. Auch stammt er weder aus einer europäischen, DO oder DOP Ursprungsgegend, noch hatte er genug Zeit sich 36 Monate in Reifung und Ausbau zu ergehen.

Dieser Wein entspricht somit nicht den Bedingungen, die einen Wein als  Reserva auszeichnen. Nicht nach spanischen Kriterien und damit auch nicht nach europäischen Maßstäben.

Die Alte (Wein-)Welt und GESETZE GESETZE GESETZE

Nun dürfen aber auch beim Thema Wein nur Drittlanderzeugnisse in die europäische Union und nach Deutschland eingeführt werden, wenn diese den hiesigen Standards entsprechen und ihre begrifflichen Ausweisungen keinerlei Grund für Verwirrung stiften. Diese Erzeugnisse dürfen also nur dann mit einem Begriff etikettiert sein, der, wenn er in der EU unter bestimmten Voraussetzungen verwendet wird, auch diesen Voraussetzungen entspricht.

In Absatz 2 des Paragrafen 25 des deutschen Weinrechts steht, dass: “Als irreführend […] insbesondere anzusehen [ist], wenn 1.: Bezeichnungen, Hinweise, sonstige Angaben oder Aufmachungen gebraucht werden, ohne dass das Erzeugnis den in Rechtsakten der Europäischen Gemeinschaft oder der Europäischen Union, in diesem Gesetz oder in Rechtsverordnungen auf Grund dieses Gesetzes für die betreffende Angabe oder Aufmachung festgesetzten Anforderungen entspricht, [und] 2.: Angaben gebraucht werden, die geeignet sind, fälschlich den Eindruck besonderer Qualität zu erwecken.”

Die europäische Weinverordnung sowie das deutsche Weingesetz sehen also vor, dass andere Länder sich dazu bewegen müssen ihre Reglementierung anzupassen, wenn sie die Bezeichnung Reserva als Import in Europa weiter führen wollen. Damit hat die Vorschrift für alle aus Drittländern importierten Weine Gültigkeit.

Denn, wie die Verordnung festlegt, ist die “Verwendung von traditionellen Begriffen für Drittlandserzeugnisse […] zulässig, sofern diese dieselben oder gleichwertige Bedingungen wie für Gemeinschaftserzeugnisse erfüllen, so dass die Verbraucher nicht irregeführt werden. Außerdem sind in Anbetracht der Tatsache, dass mehrere Drittländer keine zentralisierten Regeln auf derselben Ebene wie die Gemeinschaftsvorschriften haben, Anforderungen für „repräsentative Berufsorganisationen“ von Drittländern festzulegen, um dieselben Garantien zu gewährleisten wie gemäß den Gemeinschaftsvorschriften.” ”Die Zulassung zur Einfuhr wird nur erteilt, nachdem durch eine amtliche Untersuchung und Prüfung im Inland festgestellt ist, dass die Erzeugnisse nach ihrer Zweckbestimmung sowie ihre Behältnisse und ihre Bezeichnung und Aufmachung denRechtsakten der Europäischen Gemeinschaft oder Europäischen Union, dem Weingesetz und den auf Grund des Weingesetzes erlassenen Rechtsverordnungen entsprechen.”

Das bedeutet für den Kaiken Malbec Reserva, dass er entweder seine Deklaration als Reserva auf dem Etikett für den Import in die EU ablegen muss, Argentinien eigene Regeln für die Bezeichnung zu finden hat, oder die EU sich eine Reglementierung für die aus Argentinien stammenden als Reserva bezeichnetenWeine und damit auch Gran Raserva-Weine, Crianza-Weine etc. vorbehalten kann.

Sein trotz Nicht-Sein

kaiken-reserva-malbecVorerst muss der Malbec Reserva von Viña Kaiken hier zu Lande sein schönes Reserva – Kleid ablegen und darf nicht mehr unter dieser Bezeichnung verkauft werden. Stattdessen heißt er nun Malbec von Viña Kaiken.

Denn es ist klar: Dieser schöne und wirklich empfehlenswerte Wein aus Mendoza, Argentinien, ist nicht das, was der Begriff Reserva auf dem Etikett vermittelt. Er ist ein Wein, doch ist er kein Reserva nach europäischem Verständnis. So ist er ein anderer als ich und jeder, der “Reserva” bisher auf seinem Etikett entdeckt hat, vermutlich erwartet hat.

Überraschen lassen kann man sich von seiner Qualität um so mehr: Ist er doch ein wundervolles Produkt erfahrener Winzerkunst aus ausgezeichnetem Hause und einzigartiger Lage. Doch Reserva, dieses Sein ist hier nur Schein.

Umso überzeugender das wahre Sein dieses Weines, welches sich nicht nur durch das Auge verrät und daher der Reflexion und eingehender Erforschung bedarf, um als Objekt des Genusses als Seinedes sein wahres Urteil zu erlangen.

Quellen

  • 1 siehe.: http://www.wein-plus.eu/de/Reserva_3.0.2873.html
  • 2 vgl.: http://www.gesetze-im-internet.de/weing_1994/BJNR146710994.html#BJNR146710994BJNG001201310, § 22 – 25
  • 3 Im Gegensatz zu Neuer Welt: Länderbezeichung zur Information über das zu erwartende Weinprodukt. Siehe auch: http://www.wein-plus.eu/de/Europa_3.0.8978.html
  • 4 siehe: http://www.wein-plus.eu/de/Reserva_3.0.2873.html
  • siehe: http://www.wein-plus.eu/de/Qualit%C3%A4tssystem_3.0.1447.html
  • 6 siehe: http://www.mio-gustoso.de/index.php option=com_content&view=article&id=108&Itemid=401&lang=de
  • 7 siehe: http://www.kaikenwines.com/ingles/reservamalbec.html
  • 8 vgl.: http://www.gesetze-im internet.de/weing_1994/BJNR146710994.html#BJNR146710994BJNG001201310, § 25, Absatz 2
  • 9 vgl.: http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/ALL/?uri=CELEX%3A32008R0479; Kapitel V:  “In der Gemeinschaft werden bestimmte traditionelle Begriffe verwendet, die dem Verbraucher zusätzlich zu Ursprungsbezeichnungen und geografischen Angaben Hinweise auf Besonderheiten und die Qualität der Weine geben. Um das Funktionieren des Binnenmarktes und einen fairen Wettbewerb zu gewährleisten und um Irreführungen der Verbraucher zu verhindern, sollten auch diese traditionellen Begriffe in der Gemeinschaft geschützt werden können.”; vgl. ebd.: “Um einen fairen Wettbewerb zu gewährleisten und eine Täuschung der Verbraucher zu vermeiden, ist somit ein gemeinsamer Rahmen für die Begriffsbestimmung, die Anerkennung, den Schutz und die Verwendung solcher traditioneller Begriffe zu schaffen.”
  • 10 vgl.: http://www.gesetze-im-internet.de/weing_1994/BJNR146710994.html#BJNR146710994BJNG001201310; § 35
  • 11 siehe:http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/ALL/?uri=CELEX%3A32008R0479; Kapitel V
  • 12 vgl.: http://www.gesetze-im-internet.de/weing_1994/BJNR146710994.html#BJNR146710994BJNG001201310, § 32

     

     

 

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