Der Schwarze Hahn im Chianti-Dschungel

Weinberge von Rocca della MacièChianti, Chianti Classico, Chianti Rufina, Chianti Classico Gran Selezione… Für viele Weingenießer stellt dies schon ein undurchschaubares Durcheinander dar. Versuchen wir also in Kürze etwas Klarheit in die Begrifflichkeiten der wohl bekanntesten Weinregion Italiens zu bekommen.

Ein Ausflug in die Geschichte

Im Herzen der Toskana, südlich von Florenz, liegt die historische Chianti-Region. Der Name rührt von der spätmittelalterlichen Chianti Liga her – ein Bündnis von drei Städten (Radda, Castellina und Gaiole), welche in engem wirtschaftlichen und militärischen Kontakt mit Florenz standen. Diese trugen den Gallo Nero, den schwarzen Hahn, im Wappen, der noch immer auf den Siegeln des Weinbaukonsortiums Chianti Classico ziert.
Barone Ricasoli
Wein wurde in der Toskana allerdings schon in vorrömischer Zeit durch die Etrusker produziert. Von den mysteriösen Etruskern stammt vermutlich auch der Sangiovese, welcher im modernen Chianti die Hauptrolle spielt und in der ganzen Region die tonangebende Rebsorte ist. Seit der Antike hat sich selbstverständlich viel getan. Eine der schillernden Figuren der neueren italienischen Geschichte ist Barone Bettino Ricasoli. Ein Mann, dessen Rolle in der italienischen Wiedervereinigung des 19. Jahrhunderts (Risorgimento) eine ähnliche war, wie die Bismarcks in Deutschland.

Das Rezept des Chianti Classico

Wie oben schon erwähnt, war Sangiovese schon seit Langem bekannt. Zu den traditionellen Rebsorten der Toskana gehörte auch der Canaiolo. Dieser ist neben anderen Rebsorten der häufigste Verschnittpartner des Sangiovese gewesen. Ricasoli, dessen Anliegen als Ministerpräsident die Einigung Italiens unter dem König Victor Emmanuel II. war hatte als Weingutsbesitzer gänzlich andere Ideen. Er hat als erster die genaue Zusammensetzung des Chianti festgelegt. Mitte des 19. Jahrhunderts hat er sich für einen Mindestgehalt von 70% Sangiovese im Chianti ausgesprochen. Der Rest durften andere rote und sogar weiße Rebsorten sein. Wie es nun mal im traditionsverbundenen Italien ist, wurde lange nicht an der Ricasoli Formula gerüttelt. Ende des 19. Jahrhunderts vielen große Rebflächen des alten Europas der Reblaus zum Opfer, so auch in der Toskana. Nachdem die Reblaus die alten Reben zerstört hat, kam es zum zweiten Schicksalsschlag für den Weinbau der Toskana – die Kombination aus Armut im Jahrtausendwechsel und den Folgen der Weltwirschaftskrise und dem Ersten Weltkrieg. Hunderttausende wanderten in die USA aus oder pendelten als Saisonarbeiter zwischen Argentinien und Italien. Viele blieben auch in Südamerika. Weite Landstriche Italiens waren fast menschenleer. Die Daheimgebliebenen berebten die freigewordenen Flächen mit Massenträgern, wie dem weißen Trebbiano. Unter Ricasoli war dieser als Verschnittpartner neben den 70% Sangiovese zugelassen. Die traditionelle Chianti-Flasche, die fisco – was nichts anderes als Flasche heisst – wurde nun in Italien bekannt für ihre eher dünnen Tischweine. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es zu einer gesteigerten Nachfrage nach Wein – auch die deutschen Urlauber machten mit dem Einsetzen des Massentourismus im Land des Dolce Vita bekanntschaft mit Spaghetti und der Fiasco-Flasche, welche in der Heimat häufig als Kerzenständer diente. Lange Zeit war Chianti nicht für Qualitätsweine bekannt, auch wenn es hier schon immer Ausnahmen gab. Zeitgleich stellten sich erste Produzenten des Konsortiums quer und wollten statt des dünnen Trebbiano die beliebten und feinen internationalen Rebsorten Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc. Dies verbot allerdings die Satzung des Konsortiums – die Entwicklung zu den jetzt beliebten und hochgehandelten Supertuscans der 1980er Jahre war damit geebnet. Dem Druck der Produzenten konnte das Konsortium allerdings nicht lange widerstehen. Neben den traditionellen Rebsorten sind seither auch internationale Rebsorten mit einem maximalen Anteil von 30% im Chianti erlaubt. Doch wo liegt der Unterschied zwischen Chianti DOCG, Chianti Classico DOCG und den anderen Chiantis?

Chianti DOCG – Das größte Gebiet

Der Hauptteil des produzierten Chianti stammt aus dem Chianti DOCG. Alle Weine, die nach den oben genannten Reglements in der Region zwischen Arezzo, Pisa, Grosetto, Siena, Pistoia und Florenz produziert werden, mit einem Mindestalkoholgehalt von 11,50%, drei Monate gereift und mit einem maximalen Hektarertrag von 9 Tonnen produziert wurden, dürfen sich Chianti DOCG nennen – eine, wie man erkennen kann, leicht erfüllbare Grenze.
Zwischen den Hügeln des Chianti Classico
Chianti Classico DOCG – Das Gebiet des Barones Ricasoli

In diesem Bereich, welcher sich um die Städte der ehemaligen Chianti Liga befindet, sind die Regularien schon enger. Der Hektarertrag ist auf 7,5 Tonnen reduziert, die Reifezeit nimmt auf ein Minimum von 10 Monaten zu und der Alkoholgehalt steigt um einen halben Prozent. Hier finden sich mit die edelsten Rotweine der Toskana. Nur auf den Flaschen des Chianti Classico DOCG findet sich der Schwarze Hahn, welcher das Markenzeichen der Region geworden ist. Zu den “normalen” Chianti Classico DOCG kommen noch die Chianti Classico Riserva und der “neue” Chianti Classico Gran Selezione. Der Riserva muss, damit er diesen Titel auch tragen darf, mindestens 24 Monate Reife hinter sich haben, der Gran Selezione sogar stolze 30 Monate. Weiterhin muss der Gran Selezione von einer Einzellage oder zumindest einem einzelnen Weingut stammen. Zugekaufte Trauben fallen damit für den Gran Selezione weg. Der Mindestalkoholgehalt stiegt vom Riserva von 12,50% um ein weiteres halbes Prozent auf 13,00. Er ist damit der Cru unter den Chianti und trägt neben dem stolzen Gallo Nero auch einen imposanten Namen. Wer Chianti mag sollte damit die Gran Selezione lieben, denn sie sollen, laut dem Konsortium, das Maß aller Dinge in Sachen Chianti sein.

Chianti Ruffina DOCG – Die bekannteste der sieben Unterzonen

Sie liegt direkt südöstlich der Tore von Florenz und ist eine der bemerkenswertesten Gegenden für Chianti neben dem Classico. Hier sind die Reglementierung ein klein wenig lockerer als im Classico, wobei man erwähnen muss, dass es sich bei den Reglements um Mindestanforderungen handelt, welche meist qualitativ übertroffen werden. Die Weinberge des Rufina liegen im Schnitt auf bis zu 500 Metern über dem Meeresspiegel, was die Aromen der Beeren sehr ausdifferenziert erscheinen lässt.

Weitere nennenswerte Zonen mit guten Qualitäten sind Colli Senesi und Colli Fiorentini, welche auch bemerkenswerte Qualitäten hervorbringen.

Für jeden Topf der passende Deckel

Unter dem Strich kann man Chianti nicht in einen Stil einteilen. Es gibt leichte Tischweine mit hohem Weißweinanteil, filigrane reinsortige Chianti Classico und opulente Cuvées mit hohem Anteil französischer Rebsorten – hier findet jeder Weinliebhaber seinen Wein.

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