Der Zwanzig-Jahre Zeitraffer – Castillo Ygay Gran Reserva Especial-Vertikale 1985 & 2005

Der Korken des Ygay von 1985Gelegentlich bin ich froh, dass sich manche Dinge nicht ändern – wohl auch nie ändern werden. Bei Weinen kommt dies recht selten vor. Zu groß sind oft die Mentalitätsunterschiede der Weingutsbesitzer und ihrer Zöglinge. Oder der Wein unterliegt Trends der wechselmütigen Weinszene, plötzlich ist Barrique out oder Restsüße wieder in… Wie dem auch sei, besinnen wir uns auf das Wesentliche.

Wieso trink‘ ich 30 Jahre alten Rioja?

Unlängst bin ich 30 Jahre alt geworden. Und um dies zu zelebrieren, habe ich einen Wein meines Geburtsjahrgangs entkorkt. Es war der legendäre Castillo Ygay Gran Reserva Especial. Wie es bei derartigen Gelegenheiten ist, steigt schon beim Anschneiden der schweren Zinnkapsel der Adrenalinspiegel und die Gedanken kreisen nur darum, ob der Wein noch gut sei oder ob er einen Korkschmecker hat. Ich zieh den Korken, er war schon etwas mitgenommen und ziemlich vollgesogen, schnüffle an seinem Ende und bin erleichtert – kein Korkschmecker, kein Essiggeruch. Alles okay!

Ich schenke etwas ein. Er erscheint in kräftigem, dunklen Ziegelrot und hat schon sehr deutliche braune Ränder. Ehrfurchtsvoll und vorsichtig schwenke den Castillo Ygay Gran Reserva Especial 1985 im Glas und teste ihn auf seine olfaktorischen Eigenschaften – mit anderen Worten: ich schnupper neugierig am Glas. Zuerst kommen Rote Johannisbeeren zum Vorschein, gefolgt von Unterholz und getrockneten Mischpilzen. Nach kurzer Zeit gesellt sich Tabak hinzu. Interessant! Ich koste den ersten Schluck. Das Tannin ist sehr sehr samtig, aber noch präsent. Beeindruckend! Der Wein hat schon einen ausgeprägten, oxidativen Charakter. Das Säurerückrat ist da und lässt ihn noch ganz passabel dastehen. Sicher hätte man ihn eher 10 Jahre früher trinken müssen, aber damals war ich einfach noch keine 30 Jahre alt. Alles in Allem ein wahrer Aristokrat, der ins Alter gekommen ist. Ich habe selten einen so vielschichtigen und interessanten Wein getrunken.
Der Ygay 1985 in all seiner Pracht
Und jetzt 20 Jahre in die Zukunft

Jetzt bin ich auf den 20 Jahre jüngeren Castillo Ygay Gran Reserva 2005 gespannt. Die Ausstattung hat sich nur marginal geändert. Die Flasche trägt jetzt kurz unter dem Hals die Prägung der Weine von Marqués de Murrieta. Das Etikett unterscheidet sich auf den ersten Blick in der Jahreszahl. Erneute Spannung beim Entkorken. Glück gehabt – wieder korkfrei. Diesen Wein verkoste ich in zwei Partien – das hätte der 85er nicht geschafft. Ich karaffiere den Wein für eine Stunde.

Die Farbe ist ein dunkles Rubinrot mit purpurfarbenem Rand – man sieht ihm seine „Jugend“ an. Auffällig ist, dass der erste Eindruck an der Nase wieder Johannisbeere ist. Diesmal ist sie allerdings schwarz und nicht rot, wie beim 1985er Castillo Ygay. Gefolgt wird die Johannis- von einer Brombeere und einem deutlich balsamischen Eindruck. Der Duft erinnert an frisches Bienenwachs und Kiefernharz. Das Tannin ist noch etwas stumpf aber schön süß. Die Säure ist ebenso präsent wie beim 1985er. Ebenso ist er keine dicke Tinte sondern ein eleganter Rotwein. Eben auch ein Aristokrat, aber eben einer der jüngeren Generation. Der Nachhall ist enorm lang. Ich habe bei 120 Sekunden aufgehört zu zählen. Am zweiten Tag zeigt er sich im Tannin etwas zugänglicher, ist aber noch immer frisch und etwas stumpf. Die Aromenpalette hat sich nun um Schwarzen Tee und Tabak ergänzt. Ein köstlicher Tropfen und ein erfreuliches Beispiel, dass man auch über 30 Jahre einen genuinen Weinstil pflegen und prägen kann.
Der wunderschöne 2005er beim Luftholen
Das Resümee

Habe ich den 1985er Castillo Ygay Gran Reserva 10 Jahre zu spät getrunken, muss ich doch sagen, dass ich den 2005er bestimmt 10 Jahre zu früh entkorkt habe. Dieser Wein hat definitiv noch eine Menge Potential. Spaß haben mir auf jeden Fall beide bereitet und ich freue mich, dass ich dieses Geburtstagserlebnis mit Euch teilen konnte.

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