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Müller-Thurgau

Aus der Rebsorte Müller-Thurgau werden milde Weißweine mit leichtem Muskatgeschmack gekeltert. Meist handelt es sich dabei um frische, jugendliche, geschmacklich unkomplizierte Alltagsweine. Aufgrund der frühen Reifung werden sie oft auch als sogenannte Primeurweine angeboten.

Das Potential der Müller-Thurgau-Rebe wird bisher häufig unterschätzt: In anspruchsvollen Lagen und nach entsprechend langer Reifezeit werden aus ihr auch sehr hochwertige Qualitätsweine erzeugt.

Geschichte und Herkunft

Die Müller-Thurgau-Rebe ist eine Neuzüchtung aus dem 19. Jahrhundert. Der Schweizer Botaniker Professor Herrmann Müller züchtete sie 1882 an der Forschungsanstalt Geisenheim im Schweizer Kanton Thurgau. Weiterentwickelt wurde die Rebsorte an der Eidgenössischen Weinbauschule Wädenswil (bei Zürich).

Die Schule besitzt bis heute einen Steckling der originalen Züchtung. 1913 wurde die Rebsorte dort offiziell nach ihrem Züchter sowie ihrer ursprünglichen Herkunftsregion benannt. 

Abstammung und Kreuzungspartner

Professor Müller war sich nicht völlig sicher, welche Eltern-Reben er für seine Neuzüchtung verwendet hatte. Lange Zeit herrschte die Ansicht vor, dass die Rebsorte Müller-Thurgau entweder aus einer reinen Riesling-Kreuzung oder aus einer Kreuzung der Rebsorten Riesling und Silvaner - einer autochthonen österreichischen Rebe - gezüchtet worden war. 1857 wurde erstmals nachgewiesen, dass im Erbgut der Müller-Thurgau-Rebe kein Silvaner-Anteil enthalten ist. Endgültige Klarheit brachte 1999 eine gentechnische Analyse der Deutschen Bundesanstalt für Wein: Die Müller-Thurgau-Rebe ist demnach eine Kreuzung aus Riesling und der französischen Rebsorte Madeleine Royal, die ihrerseits als eine Kreuzung aus Pinot- und Trollinger-Reben angesehen wird.
Durch Kreuzungen der Müller-Thurgau-Reben mit verschiedenen anderen Reben ist eine größere Anzahl neuer Rebsorten - darunter die weiße Bacchus-Rebe aus dem Jahr 1933 sowie die Rotweinsorte Regent - entstanden. Im Jahr 1978 wurde eine rote Mutation - der Rote Müller-Thurgau - gefunden, die 2014 beim Bundessortenamt als eigenständige Rebsorte angemeldet wurde. 

Anbaugebiete

Weltweit wird die Müller-Thurgau-Rebe auf rund 42.000 Hektar angebaut, die deutsche Anbaufläche umfasst über 13.000 Hektar - seit einigen Jahren wieder mit steigender Tendenz. Im deutschen Weinbau belegten Müller-Thurgau-Reben lange die Spitzenposition, musste diesem Platz Mitte der 1990er Jahren jedoch zugunsten der Riesling-Weine räumen. Sie wird in fast allen deutschen Weinregionen angebaut, in sieben von 13 Anbaugebieten zählt sie zu den \"Classic\"-Reben.
Die größten Anbauflächen belegt sie in Rheinhessen, Baden und der Pfalz. 

Die größten Anbauflächen der Müller-Thurgau-Rebe in Europa finden sich in Ungarn, Österreich, Tschechien sowie der Slowakei. In der deutschsprachigen Schweiz ist sie nach wie vor die Hauptrebsorte. Auch in Frankreich (Elsass), Luxemburg und England wird sie angebaut. Nach Südeuropa mit Ausnahme einiger Weinregionen in Norditalien (Aosta-Tal, Trentino) sind die Müller-Thurgau-Weine allerdings kaum vorgedrungen. Anbaugebiete außerhalb Europas gibt es in Neuseeland - dort mit stark fallender Tendenz - den USA, China und Japan. 

Ampelografie

Ampelografisch lässt sich die Müller-Thurgau-Rebe so beschreiben: Die Triebspitzen sind schwach und wollig, von hellgrüner Farbe mit rötlichem Anflug. Ihre jungen Blätter sind hellgrün und tief gebuchtet, das ausgewachsene Blatt ist mittelgroß, fünf- bis siebenlappig, stark gewellt und tief gebuchtet. Die Blattoberseiten sind schwach blasig und kahl, die Unterseiten spinnwebig und verkahlend. Der Blattrand ist gesägt und die Stielbucht V-förmig überlappend. Die oft geschulterten Trauben sind locker- oder dichtbeerig sowie mittelgroß bis groß. Die Müller-Thurgau-Beeren sind mittelgroß und von ovaler Form, das Beerenfleisch ist saftig mit dezentem Muskat-Ton. 

Erträge

Die Müller-Thurgau-Rebe liefert normalerweise hohe und sichere Erträge. Die traditionellen Varianten der Müller-Thurgau-Reben sind etwas ertragsstärker als die jüngeren hartschaligen Klone. Die durchschnittlichen Erträge der Rebe liegen bei 80 bis 150 hl/ha, die in manchen Jahren auf über 200 hl/ha steigen können. Bei Erträgen von 80 bis 150 hl/ha lässt sich ein Mostgewicht von 65 bis 90 Grad Oechsle erzielen. Die in den 1980er Jahren eingeführten Begrenzungen der Hektarerträge hatten auf Qualität und Potential der Müller-Thurgau-Weine einen sehr positiven Einfluss. Einige deutsche Weingüter, die aus der Müller-Thurgau-Rebe Prädikatsweine erzeugen, erreichen heute Mostgewichte von mehr als 150 Grad Oechsle. 

Ansprüche an Lage und Boden, Terroir

Akzeptable Weine können aus der Müller-Thurgau-Rebe auch an weniger anspruchsvollen Standorten entstehen, in besseren Lagen wird sie zur Grundlage sehr hochwertiger Weine. Die starkwüchsige Rebe benötigt frische, tiefgründige nicht zu trockene Böden. Zu große Trockenheit kann bei dieser Sorte schnell zu Stresssymptomen führen.
Die wenig ausgeprägte Holzreife bedingt eine relative starke Frostempfindlichkeit, zu Frostschäden kann es bereits ab - 15 Grad Celsius kommen. Dagegen haben Müller-Thurgau-Reben eine hohe Blütefestigkeit, was sie gegen Maifröste recht resistent macht. Die Reben sind anfällig gegenüber Pflanzenkrankheiten wie Peronospora (Mehltau), Phomopsis (Sternrußtau), Roter Brenner und insbesondere Botrytis cinerea (Grauschimmelfäule). Das sortenspezifische Botrytis-Risiko lässt sich durch die optimale Wahl des Erntetermins wirksam reduzieren. 

Charakteristik und Aromen

Die Moste der Müller-Thurgau-Rebe werden vor allem zu leichten, eleganten Weinen mit milder - bei nördlicher Herkunft zum Teil auch etwas betonterer - Säure und feinfruchtiger Muskatnote ausgebaut. Je nach Standort ist ihr Bukett mehr oder weniger blumig. Farblich sind sie blass- bis hellgelb und von mittlerem Körper.
Durch den vorherrschenden Ausbau in Edelstahltanks werden Sortenduft und Frische der trockenen oder restsüßen Müller-Thurgau-Weine besonders gut erhalten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sollten Müller-Thurgau-Weine jung getrunken werden, da sich ihr Muskat-Aroma sonst verflüchtigt. Am besten schmecken sie als Primeur sowie in den ersten Jahren nach der Ernte. 

Synonyme

Rivaner (Deutschland, Österreich, Luxemburg), Riesling-Silvaner (Schweiz, Österreich, Luxemburg - in der Schweiz früher auch Riesling x Silvaner), Müller, Müllerovo, Müllerka (Tschechien, Slowakei), Rizvanec, Rizvanac Bijeli (Slowenien, Kroatien)

Speisepaarung

Müller-Thurgau-Weine sind geschmacklich unkompliziert, sie überzeugen durch ihren sehr harmonischen Charakter. Besonders gut passen sie zu zarten, aromatischen Speisen, beispielsweise Pasteten, Spargel, Geflügel und Salaten, Fisch sowie Gemüse- oder Teiggerichten.